Faschismus bekämpfen heisst die Gesellschaft kritisieren und verändern,
in der der faschistische Geist blind sein Unwesen treibt!

 

Kritisch denkende Zeitgenossen sind im Falle von Nazi - Aufmärschen über die offene Präsenz der Faschisten hinaus mit einem weiteren Problem, nämlich dem des zumindest ambivalenten und problematischen Verhaltens der gesellschaftlichen "Mitte" konfrontiert, welche sich gerne als schweigende und anständige Mehrheit (also Deutschen?) ins Licht setzt. Da in nahezu allen Beiträgen im Antifaspektrum sich ausgiebig über die Rechten und Faschisten geäussert wird, wollen wir an dieser Stelle den Fokus auf die Gesellschaft richten, in der die Selbigen ihr Unwesen treiben.

   

 

Wohl kaum ist es böswillig, das Schweigen der Mehrheit als Zustimmung zur herrschenden Meinung zu deuten. Es ist in Fällen in denen die öffentliche Ordnung auf die Probe gestellt ist im Sinne von "jetzt ist aber Ruhe im Karton" zu verstehen. Besonders aussagekräftig bezüglich der Haltung dieser diskursiven Manövriermassen ist dieses Schweigen nicht wirklich , da es recht geringer Vorstellungskraft bedarf, um zu bemerken, dass die gesellschaftliche Ablehnung , sich gegenüber der rechtsextremistischen Opposition in wesentlich grösserem Ausmasse vor allem gegen das Auftreten richtet.
Während sie sich in Zeiten offen auftretender radikal - emanzipatorischer Opposition überwiegend gegen die vertretenen Inhalte richtet.
Konkreter formuliert: in dieser Gesellschaft wird sich so leicht keine Mehrheit für eine tatsächliche Ablehnung, der durch beispielsweise die NPD, repräsentierten Inhalte finden. Die Zahl derer, deren aussenpolitischer Instinkt und unreflektierte Identifikation mit den Zielen des Staates einen gewissen Sicherheitsabstand zum völkischen Treiben gebietet, dürfte so groß nicht sein.
Statt volksdeutscher Abschottung und nationale Reinheit in Kultur, Sprache und Demographie - offene Grenzen (also in Konsequenz deren Abschaffung) einzufordern, und Menschen nicht in Kategorien der Zugehörigkeit und Nützlichkeit zu beurteilen und behandeln, würden dann ziemlich aus dem Konsenz ausscheren.
Die seit der Wiedervereinigung sich kontinuierlich verschärfende Situation von Flüchtlingen, die von Deutschland aus vorangetriebene gesamteuropäische Abschottungspolitik, wie die Schaffung irreversibler Tatsachen auf der weltpolitischen Bühne und die Durchsetzung ethnischer Prioritäten in der Aussenpolitik zeigen an, dass der Faschismus als Tendenz, wie auch als Möglichkeit bereits in der herrschenden Politik enthalten ist. Darüber hinaus erweisen sich die sozialen Widersprüche oberflächlich verdeckende Rekonstruktion national - deutscher Identität auf den Feldern der Sprache ("Fremdwörter sind die Juden der Sprache." Theodor W. Adorno), die nationale (Pop-)Kultur und auf der politischen Agenda als geistige Ergänzung der Abschottung, welche die Grenze des Deutsch-Seins sowohl nach innen (was wird von mir als Deutschem verlangt?), als auch nach aussen (was verlangen "wir" in Deutschland von Nicht-Deutschen), zu einem immer enger werdenden Netz des Zugangs und des Ausschlusses flechten.
Ein solches politisches Klima wird im übrigen geradezu begleitend unterstützt von Inszenierungen der Anständigkeit exportabhängiger Untertanen, und oftmals, der Form nach, schon volksgemeinschaftliche Elemente enthaltenden "Protests", dessen Anständigkeit sich nicht unterscheidet von jener, auf die viele Wehrmachts- und SS- Kommandeurer lange nach dem Nationalsozialismus mit Stolz zurückgeblickt haben.
Eine Gesellschaft, die Nazis zumeist als hygienisches Problem betrachtet (eine Haltung, die sowohl in der Parole "Nazis raus" als auch in der von jeglichem Widerspruch bereinigten kollektiv-staatsmännischen Versammlungen der gesellschaftlichen "Mitte" durchscheint) wird immer wieder überrascht sein, wie gross der Einfluss der extremen Rechten auf den gesellschaftlichen Diskurs sich erweist ( siehe beispeilsweise die Abschaffung des Asylrechts 1993). Etwas wirksames dagensetzen können, wird sie nicht.
Dementsprechend kommt antifaschistische Politik schwerlich an der Entscheidung vorbei, ob man auf die personellen Zusammenhänge, oder auf faschistischen Diskursstrategien und den gesellschaftlichen Tendenzen sein Hauptaugenmerk richtet. Und ob es gelingt, beide Aspekte gewinnbringend zueinander in Beziehung zu setzen.Das Hauptaugenmerk antifaschistischer Aktivität sollte eher der Bekämpfung des Faschismus, als der der Faschisten gelten. Dass die Bekämpfung von Faschisten dabei nicht ausbleiben kann, soll hier nicht in Frage gestellt werden. Unerlässlich dafür ist die Reflexion des Vorgehens von organisierten und unorganisierten Faschisten auf die eigene Praxis, also beispielsweise die Frage, ob den Nazis damit beizukommen ist, Fahndungslisten ähnelnde Register mit Unmengen an persönlichen Daten anzulegen.
Um den fortschrittlichen Charakter, den antifaschistischistisches Engagement als Moment an sich hat, zu bewahren ist es unabdingbar, sich der Problematik zu stellen, dass dieses bei nicht ausreichender Selbstbefragung eine exorzistische Tendenz entwickelt. Dabei besteht die Gefahr, zu vernachlässigen, dass der politische Gegner sich in der selben Gesellschaft entwickelt hat, in der auch das eigene politische Bewusstsein gebildet wurde. Das kann sich derart wiederspiegeln, dass dem eigenen Bewusstsein das Unbehagen unterschlagen wird, im Bekämpften auch eigenes zu erkennen. Ebenso erscheint dem Bewusstsein in dem verständlichen Wunsch, den eigenen Kampf wirksam zu führen, allzu schnell Handlungsweisen und Haltungen als die Richtigen , deren Erfolg oder Misslingen die größtmögliche Prüfbarkeit eignet.
Basierend auf eigenen Erfahrungen ist bei der unreflektierten Fixierung auf punktuelle Ereignisse die Gefahr kaum zu unterschätzen, dass mit dem Vergehen des anvisierten Ereignisses auch die mobilisierte Gegnerschaft sich zu großen Teilen wieder auf ziemlich privaten Wegen zerstreut und meist lediglich dasselbe kleine Häuflein Unerschrockener zurück bleibt. Zu begegnen ist dieser Tendenz wohl nur durch die Erkenntnis, dass eigene Defizite im politischen Handeln auf den Gegner projiziert werden und dadurch im eigenen Bewusstsein ausgeblendet sind.
Die politische Arbeit sollte über konkrete Ereignisse hinaus, in den gesamten Alltag integriert werden.
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