Antiautoritäre Opposition oder bornierter Antifaschismus

In der Antifabewegung wird in der Regel davon ausgegangen, dass die Bekämpfung rechtsextremer Organisationen, wie Propaganda oder deren Verhinderung bereits das Hauptziel darstellen muss, sodass Erfolge in dieser Hinsicht ein reales Zurückdrängen von Faschismustendenzen bedeuten.

Obwohl alle diese Ziele, v.a. der Schutz von potentiellen Objekten rechtsextremer Übergriffe, unbedingt notwendig sind, darf sich antifaschistische Aktivität darin nicht erschöpfen, sondern muss jenseits dieser Notwendigkeit eigentlich erst beginnen. Die Reduktion auf die explizit sich selbst faschistisch definierenden Rechten übersähe zunächst, dass diese nur den äußersten Pol des vorhandenen rechten Potentials darstellt, während ein weit größerer Teil die immer notwendige Basis liefert, auf die sich bereits jetzt schon ständig autoritäre politische Entscheidungen berufen. Die permanente Hetze gegen Drückeberger und Sozialschmarotzer in den Medien oder der dort strukturell verankerte latente oder offene Rassismus findet keine wirkliche Gegenwehr. So lässt sich leicht auf das Anwachsen eines zunehmend autoritärer gestaltetes Klima schließen, das sich einerseits aus der Massenarbeitslosigkeit speist und ohne linke Kritik und Vermittlung, gleichzeitig ihre Legitimation bei den Betroffenen selbst findet.

Die rechtsextremen Organisationen und ihre Anhänger dienen so auch dazu, den Faschismus von sich selbst abzutrennen und ihn nur in dem bekämpften Feindbild zu verorten. Die bloße Bekämpfung der Neofaschisten und deren Organisationen derer man habhaft werden, bzw. zerschlagen muss, befriedigt nicht nur unhinterfragt „autoritäre Strafbedürfnisse“(Adorno),sondern unterscheidet sich auch nicht wesentlich von den Absichtserklärungen der bürgerlichen Parteien, wie der Vertreter des staatlichen Gewaltapparates. Diese haben aber in ihrer Begrenztheit meist die Funktion, die gesellschaftlichen Verhältnisse von jeglicher Verbindung zu rechtsextremer Aktivität abzuschirmen. So wird der Faschismus zu einem Privatproblem das nur in den Köpfen der rechten Akteure selbst entsteht. Es ist offenbar nur Zufall, die Sache schlechter Gene oder die Unfähigkeit von Eltern und LehrerInnen, wenn z.B. Jugendliche sich rechten Gruppen anschließen. So erfüllen die Neofaschisten noch eine weitere Funktion, die demokratisch sich verstehende Gesellschaft im Schlaglicht der scheinbar völlig unvereinbaren Alternative einer faschistischen Gewaltherrschaft, als die ausschließlich nur zu verteidigende Ultimaratio der Freiheit erscheinen zu lassen.

Sicher, es ist unbedingt notwendig die demokratischen Rechte und liberalen Freiheiten zu verteidigen. Aber es ist ebenso notwendig, sie gegen ihre vermeintlichen Verfechter nicht nur zu verteidigen, sondern sie auch zu erweitern.

Der permanente Ausbau des Überwachungsstaates ist sicher keine antifaschistische Maßnahme, sondern gäbe jeder neuen offen autoritären Macht die totale Kontrolle, v.a. gegenüber denjenigen, die sie als Außenseiter, Fremde oder Minderwertige ansehen.

Aber nicht nur im rechten Stammtischmitglied oder dem regelmäßigen Bildzeitungsleser lebt der autoritäre Charakter, vielleicht verändert, aber nicht gebrochen fort. Auch in den priviligierteren gebildeteren Mittelschichtslinken oder Liberalen wie aktiven AntifaschistInnen selbst leben, wenn auch andere oder scheinbar links gewendet, autoritäre Persönlichkeitsanteile fort.

Ein sehr gutes, wie trauriges Beispiel ist der Umgang mit dem Nahostkonflikt, der trotz verbaler Absage an die deutschen Verbrechen die den europäischen Juden angetan wurden, wird dem Staat Israel nicht nur einseitig und unreflektiert die Hauptschuld, wenn nicht als einzigem Schuld zugesprochen. Es werden sogar die Verbrechen der eigenen Elterngeneration unbewusst zum Zweck der Selbstentlastung, auf die Juden selbst projiziert. Die ehemaligen Opfer werden zu Tätern umgedeutet, weil diese jetzt selbst über einen Staat verfügen, was sonst als Normalität angesehen wird.

Die Juden sind in Gestalt des territorial winzigen Israel ständigen Angriffen ausgesetzt und von feindlichen und zumeist äußerst reaktionären Mächten umgeben, die den ihnen das Recht auf ihren Staat absprechen wollen. Aber gerade dieser Staat muss von einer deutschen Linken die diese Bezeichnung verdient, verteidigt werden.

Ohne die Leiden der palästinensischen Bevölkerung zynisch ignorieren zu wollen, entlastet die blinde Solidarität mit diesen als den „neuen“ Opfern nicht vom Vorwurf des Antisemitismus, oder entlässt sie aus der Verantwortung der deutschen Verbrechen an den Juden. Dies aber scheint zu gelingen, indem einfach die Existenz des Staates Israel von der Geschichte des Holocaust abgetrennt wird und schon befindet man sich auf der richtigen Seite, weil man sich ja mit den Opfern solidarisiert.

Notwendig ist ein Antifaschismus, der Herrschaft als permanente Quelle von Faschismustendenzen erkennt, und diese auch nicht nur als äußere, vielleicht gar mit Personen oder Personengruppen zu identifizierende Erscheinung wahr nimmt, die man sich auf diese Weise wie die damit verbundenen autoritären Persönlichkeitsanteile vom Hals schaffen kann. Herrschaft kann sich in moderner und hoch entwickelter Form nur durchhalten, wenn sie in den Köpfen der Individuen ankert.

Notwendig wäre eine universell gerichtete antiautoritäre Opposition, die „Selbstveränderung“ wie die „Veränderung der äußeren Umstände“... „zusammenfallen“(Marx) lässt.

 

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